Flipped Classroom

Veröffentlicht von Nicole Podleschny am

Flipped Classroom

Einführung

Flipped Classroom (oder Inverted Classroom) bezeichnet ein Szenario, bei dem klassische Elemente der Präsenzzeit (Vorlesung) in die Selbststudienzeit verlagert werden. 

Dies geschieht meist durch das Bereitstellen von Online-Ressourcen, z.B. zur Vorbereitung auf die Lehrveranstaltung durch das Lesen von Texten, das Bearbeiten von Aufgaben und Quizfragen oder das Anschauen bestehender Vorlesungsaufzeichnungen.

Einsatzszenario

Das Konzept der wortwörtlichen „Vorlesung“ stammt aus der Zeit vor dem Buchdruck. Bücher waren kostbar, weshalb an den Universitäten vorgelesen wurde, während die Studierenden per Mitschrift ihre eigene Kopie anfertigten. Geistig verarbeitet werden musste der Inhalt anschließend in der Selbststudienzeit.

Heutzutage stehen allerlei Informationsträger wie Bücher oder Videos zur Verfügung. Warum also sollten Lehrende ihre Zeit darauf verwenden, Jahr für Jahr dieselben Inhalte zu präsentieren? Lässt sich die gemeinsame Zeit von Lehrenden und Lernenden nicht besser nutzen?

In einem Flipped-Classroom-Szenario bereiten sich Studierende anhand der online bereitgestellten Ressourcen auf die Präsenzveranstaltung vor. Das geschieht durch das Anschauen eines Videos oder Screencasts, das Lesen von Literatur, das Bearbeiten von Aufgaben und Quiz-Elementen oder das Notieren von Verständnisfragen.

Durch die vorangestelle Inhaltsvermittlung schaffen Lehrende in der Präsenzzeit Raum für das gemeinsame  kritische, vertiefende, anwendungsbezogene und forschende Lernen. 

In diesem kurzen Video wird der Flipped Classroom erläutert:

Und hier noch eine interaktive Abbildung zum Ablauf des Flipped Classroom:

Wir haben Annette Scheider, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Studienprogramm Geodäsie und Geoinformatik (HCU), gefragt, wie sie in ihren synchronen Live-Sessions Zeit für Diskussion und Vertiefung schafft:

"Die Lerninhalte der Veranstaltungen wurden in Form von 10- bis 15-minütigen Video-Einheiten vermittelt, mit denen die Studierenden flexibel und selbständig lernen konnten. Dadurch konnten wir uns in den wöchentlich stattfindenden Live-Sessions auf die Kernpunkte der behandelten Themen konzentrieren. Ebenso haben wir Zeit dafür gewonnen, die praktische Relevanz anhand von Beispielen und Anwendungsfällen zu zeigen (wie z. B. die Vermessung auf einer Tunnelbaustelle). Durch ein schrittweises Vorgehen konnten die Studierenden ihre Fragen direkt am Beispiel einbringen und alternative Ansätze und Vorgehensweisen diskutieren."
Annette Scheider
HafenCity Universität

Auch Marco Klein, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institute for Ship Structural Design and Analysis (Technische Universität Hamburg) hat den Flipped Classroom erprobt:

"Unsere Übung im Modul „Grundlagen der Konstruktion und Strukturanalyse von Schiffen“ (5. Semester, Bachelor) war dadurch geprägt, dass am Anfang der Übung eine zeitintensive rezeptive Wiederholung der für die Übung relevanten Grundlagen stattfand. Als Konsequenz daraus ergab sich, dass für die eigentlichen Übungsaufgaben meist nicht genug Zeit war. Der Flipped Classroom hat sich hier als sehr gutes Werkzeug erwiesen. Es zeigte sich, dass das Konzept unterschiedlich schnell von den Studierenden als wichtig bzw. hilfreich erachtet und somit angewandt wird. Aus Sicht des Dozenten empfiehlt es sich, dass man das Konzept konsequent fortführt und die Vorteile für die Studierenden immer wieder kommuniziert.
Marco Klein
Technische Universität Hamburg

Tipps zur Umsetzung

Stofffülle und Zeitknappheit: Durch das Auslagern von Inhalten wird Zeit geschaffen, um sich in der Präsenzzeit aktiv mit den neuen Inhalten zu beschäftigen und Fragen zu klären. Überdies können die digitalen Inhalte leicht wiederverwendet werden.

Wenig motivierte Studierende lassen sich durch aktivierene Methoden wie Think Pair Share, Gruppenarbeit, den Einsatz von Clickern oder PBL-Elementen stärker in die Veranstaltung einbinden.

Individualisierte und flexible Lernangebote können im Rahmen der Online-Phase geschaffen werden. Studierende können in eigenem Tempo und je nach Vorwissen unterschiedlich intensiv lernen.

Welche Inhalte eignen sich dazu, sie in die Online-Phase zu verlagern?

Welche Medien bieten sich an? (Literatur, Video, Tests…)

Wie viel soll geflippt werden? (erst vielleicht nur einen kleinen Teil)

Wie lassen sich Online- und Präsenzphasen verzahnen?

Hier eine kleine Sammlung von Medien, die sich für das Selbststudium eignen:

  • vertonte Aufzeichnung von Folien
  • Vorlesungsaufzeichnung
  • Screencast
  • freies Video aus dem Netz (siehe freie Videodatenbanken)
  • Skript
  • Formatives Assessment (Aufgabe, Quiz, Test)
  • Worksheet zur Verständnisförderung (Beim Betrachten des Videos sind Leitfragen zu beantworten – siehe Video Prof. Christian Spannagel)
  • Aufträge zur Recherche (Definitionen, Bilder etc.)

Hier eine kleine Sammlung von Methoden, die sich für die Präsenzphase eignen:

Das Konzept des Flipped Classroom geht natürlich nur auf, wenn die Studierenden vorbereitet in die Veranstaltung kommen. Wie können Lehrende dies unterstützen?

Transparenz: Nehmen Sie sich Zeit, den Studierenden zu erläutern, warum Sie Flipped Classroom einsetzen und welchen Nutzen die Studierenden davon haben. Erinnern Sie in regelmäßigen Abständen daran.

Durchhaltevermögen: Halten Sie an Ihrem Konzept fest, auch wenn Studierende zu Beginn unvorbereitet sein sollten. Spätestens in der dritten Woche werden diese merken, dass ihnen die Präsenzzeit aufgrund mangelnder Vorbereitung „nichts bringt“.

Bonuspunkte: Gegebenenfalls können auch Bonuspunkte für die Vorbereitung vergeben werden. Dabei sollte vermieden werden, diese Punkte davon abhängig zu machen, ob Antworten auf Quizfragen oder Vortests korrekt oder inkorrekt sind. Dies würde den Fokus vom Lernprozess nehmen und den Anreiz setzen, mit allen Mitteln das richtige Ergebnis zu liefern anstatt Verständnislücken zu schließen.

Peer Instruction: Eine Möglichkeit ist auch, dass unvorbereitete Studierende durch ihre Peers über die relevanten Themen zu informieren. Das heißt: Vorbereite Studierende setzen sich mit Unvorbereiteten in Gruppen zusammen und tauschen sich aus. Auf gar keinen Fall sollte Sie als Lehrperson die Online-Inhalte noch einmal in der Präsenzphase wiederholen.

Literatur

e.teaching.org: Inverted Classroom

Aaron Sams & Jon Bergmann: Kurzvideo zu den Vorteilen des Flipped Classroom

Prof. Christian Spannagel: Etwas ausführlicheres Video mit Hinweisen zu Worksheets im Flipped Classroom

Prof. Jens Dittrich: Erfahrungsbericht aus der Informatiklehre

Headerbild: Roel Dierckens on Unsplash