Flipped Classroom
Veröffentlicht von Nicole Podleschny am
Flipped Classroom
Einführung
Flipped Classroom (oder Inverted Classroom) bezeichnet ein Szenario, bei dem klassische Elemente der Präsenzzeit (Vorlesung) in die Selbststudienzeit verlagert werden.
Dies geschieht meist durch das Bereitstellen von Online-Ressourcen, z.B. zur Vorbereitung auf die Lehrveranstaltung durch das Lesen von Texten, das Bearbeiten von Aufgaben und Quizfragen oder das Anschauen bestehender Vorlesungsaufzeichnungen.
Einsatzszenario
Das Konzept der wortwörtlichen „Vorlesung“ stammt aus der Zeit vor dem Buchdruck. Bücher waren kostbar, weshalb an den Universitäten vorgelesen wurde, während die Studierenden per Mitschrift ihre eigene Kopie anfertigten. Geistig verarbeitet werden musste der Inhalt anschließend in der Selbststudienzeit.
Heutzutage stehen allerlei Informationsträger wie Bücher oder Videos zur Verfügung. Warum also sollten Lehrende ihre Zeit darauf verwenden, Jahr für Jahr dieselben Inhalte zu präsentieren? Lässt sich die gemeinsame Zeit von Lehrenden und Lernenden nicht besser nutzen?
In einem Flipped-Classroom-Szenario bereiten sich Studierende anhand der online bereitgestellten Ressourcen auf die Präsenzveranstaltung vor. Das geschieht durch das Anschauen eines Videos oder Screencasts, das Lesen von Literatur, das Bearbeiten von Aufgaben und Quiz-Elementen oder das Notieren von Verständnisfragen.
Durch die vorangestelle Inhaltsvermittlung schaffen Lehrende in der Präsenzzeit Raum für das gemeinsame kritische, vertiefende, anwendungsbezogene und forschende Lernen.
In diesem kurzen Video wird der Flipped Classroom erläutert:
Und hier noch eine interaktive Abbildung zum Ablauf des Flipped Classroom:
Wir haben Annette Scheider, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Studienprogramm Geodäsie und Geoinformatik (HCU), gefragt, wie sie in ihren synchronen Live-Sessions Zeit für Diskussion und Vertiefung schafft:
Auch Marco Klein, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institute for Ship Structural Design and Analysis (Technische Universität Hamburg) hat den Flipped Classroom erprobt:
Tipps zur Umsetzung
Stofffülle und Zeitknappheit: Durch das Auslagern von Inhalten wird Zeit geschaffen, um sich in der Präsenzzeit aktiv mit den neuen Inhalten zu beschäftigen und Fragen zu klären. Überdies können die digitalen Inhalte leicht wiederverwendet werden.
Wenig motivierte Studierende lassen sich durch aktivierene Methoden wie Think Pair Share, Gruppenarbeit, den Einsatz von Clickern oder PBL-Elementen stärker in die Veranstaltung einbinden.
Individualisierte und flexible Lernangebote können im Rahmen der Online-Phase geschaffen werden. Studierende können in eigenem Tempo und je nach Vorwissen unterschiedlich intensiv lernen.
Welche Inhalte eignen sich dazu, sie in die Online-Phase zu verlagern?
Welche Medien bieten sich an? (Literatur, Video, Tests…)
Wie viel soll geflippt werden? (erst vielleicht nur einen kleinen Teil)
Wie lassen sich Online- und Präsenzphasen verzahnen?
Hier eine kleine Sammlung von Medien, die sich für das Selbststudium eignen:
- vertonte Aufzeichnung von Folien
- Vorlesungsaufzeichnung
- Screencast
- freies Video aus dem Netz (siehe freie Videodatenbanken)
- Skript
- Formatives Assessment (Aufgabe, Quiz, Test)
- Worksheet zur Verständnisförderung (Beim Betrachten des Videos sind Leitfragen zu beantworten – siehe Video Prof. Christian Spannagel)
- Aufträge zur Recherche (Definitionen, Bilder etc.)
Hier eine kleine Sammlung von Methoden, die sich für die Präsenzphase eignen:
- Fragerunde
- Diskussion
- Gruppenarbeit
- Clicker-Einsatz
- Expertengespräch
- Vertiefende Inputs
- Problemorientiertes Lernen
- Think Pair Share
- Aktives Plenum
- Hörsaalspiele
Das Konzept des Flipped Classroom geht natürlich nur auf, wenn die Studierenden vorbereitet in die Veranstaltung kommen. Wie können Lehrende dies unterstützen?
Transparenz: Nehmen Sie sich Zeit, den Studierenden zu erläutern, warum Sie Flipped Classroom einsetzen und welchen Nutzen die Studierenden davon haben. Erinnern Sie in regelmäßigen Abständen daran.
Durchhaltevermögen: Halten Sie an Ihrem Konzept fest, auch wenn Studierende zu Beginn unvorbereitet sein sollten. Spätestens in der dritten Woche werden diese merken, dass ihnen die Präsenzzeit aufgrund mangelnder Vorbereitung „nichts bringt“.
Bonuspunkte: Gegebenenfalls können auch Bonuspunkte für die Vorbereitung vergeben werden. Dabei sollte vermieden werden, diese Punkte davon abhängig zu machen, ob Antworten auf Quizfragen oder Vortests korrekt oder inkorrekt sind. Dies würde den Fokus vom Lernprozess nehmen und den Anreiz setzen, mit allen Mitteln das richtige Ergebnis zu liefern anstatt Verständnislücken zu schließen.
Peer Instruction: Eine Möglichkeit ist auch, dass unvorbereitete Studierende durch ihre Peers über die relevanten Themen zu informieren. Das heißt: Vorbereite Studierende setzen sich mit Unvorbereiteten in Gruppen zusammen und tauschen sich aus. Auf gar keinen Fall sollte Sie als Lehrperson die Online-Inhalte noch einmal in der Präsenzphase wiederholen.
Literatur
e.teaching.org: Inverted Classroom
Aaron Sams & Jon Bergmann: Kurzvideo zu den Vorteilen des Flipped Classroom
Prof. Christian Spannagel: Etwas ausführlicheres Video mit Hinweisen zu Worksheets im Flipped Classroom
Prof. Jens Dittrich: Erfahrungsbericht aus der Informatiklehre
Headerbild: Roel Dierckens on Unsplash